Fear and Loathing in Las Vegas, Terry Gilliam

Hier. Der Klassiker, erneut konsumiert. Das komödiantische Talent der Darsteller ist unbestreitbar, wenn man denn Seltsamkeit komisch findet. Gilliam feilt und stützt den amerikanischen Mythos der Freiheit und bekräftigt, wie Thompson, das damals in den 60ern wohl etwas entstand das nicht so lange trug wie zunächst gedacht. Am Ende der Massenbewegung (und -befreiung?) kommt das Individuum und die lukrative Selbstdarstellung, die Thompson ja nunmal als (wenn auch „alternative“) celebrity betreibt. Jaja, das wird posthum von anderen betrieben. Hunter ist ’n dufter Kerl, bestimmt. Aber wir und Terry Gilliam kennen ihn nur, weil er sich selbst als Autorität etablieren konnte. Die Seltsamkeit wird arg benötigt, nicht von allen aber vielen.

Und nebenbei passt das Ding auch zu einer AmericanDream-vs-AmericanNightmare Diskussion in einem Englisch-LK in Braunschweig oder so.

Wonder Woman, Patty Jenkins

Hier. Es ist alles wahr.

Der Dialekt lässt denken: hat die Hauptdarstellerin vielleicht eine marktneutrale Sprache einfach nicht hingekriegt, so dass ihre Kolleginnen einfach auch so putzig sprechen mussten? Und wie wurde das in der deutschen Version geregelt? Und ist das vielleicht zu hämisch? Es ist nicht hämisch gedacht, denn dieser Film ist nicht die Rettung des Abendlandes, aber doch das rundeste und bekömmlichste Werk des DCU, das hoffentlich genug generiert um weitere Eskapaden der düsteren Herren zu ermöglichen. She believes in love. We believe in Wonder Woman.

Der Fremde, Albert Camus

Hier und hier und sowieso hier. Durch die verwahrloste Nutzviehwirtschaft, die sich Schule nennt, wurde bestimmt so manch einem dieser sogenannte Klassiker verlitten. Ein dünnes Buch, ein schlankes Romänchen, das ohne Explosionen, nur mit einer Handvoll Schüssen, auskommt. Und dann wird verhältnismässig viel gedacht und geredet. Und dann kann man Protagonisten und Erzähler und Autoren verwechseln und differenzieren und sich fein abarbeiten. Ja, wer ist denn nun der Fremde, na, na, wer ist es denn nun? Ei, fein, komm und schreib mir fünfhundert Worte dazu.

Man kann dem Fremden aber auch eine neue Chance geben, jetzt, wo man die Schule leidlich überlebt hat. Und man erkennt, dass die eigene Entfremdung (oh! ah!) von Sitte, Moral und organisierter Religion so neu nicht sein kann. Und man sieht dass die Grundelemente des Kriminalromans fein nützen könnten, um existenzialistische Sichtweisen zu kristallisieren. Außerdem kann das denkende, aber eben nicht fühlende Individuum zumindest ein wenig in seiner banalen Tragik begriffen werden.

Oder es geht um das Abknallen von Moslems. Vielleicht ist das der tragende Kern dieses sogenannten „Klassikers“, vielleicht sicherte dies ihm einen Platz im französischen und westlichen Kanon.

Minimalism: A Documentary About the Important Things, Matt D’Avella

Hier und hier und hier. Man sieht es und findet bekannte Ansichten über die sogenannte Konsumkultur – und wie erwartet wird die menschliche Spezies nicht verspottet. Eigentlich hätte man ja allen Grund dazu – man könnte auch sagen, dass das elende Pack der westlichen Zivilisationen an seinem Krempel ersticken soll. Gute Menschen sind aber hier am Werk, und ihre Absichten sind auch gut. Sie umarmen einander viel. Sie wollen die Welt besser machen – und geben alten „counterculture“-Dogmen neueren Schwung.

Sehr gut kam der Ruf nach mehr und vor allem grundsätzlicherem Materialismus an: die Dinge sollten stofflicher und tatsächlicher erfasst werden und ihr informatorischer, auratischer, und fast schon spiritueller Charakter als irritierendes Spektakel erkannt werden. Ein Blick nach Digitalien wurde auch gewagt: der Akt des Kaufens als erste Bürgerpflicht treibt bestimmt noch viele weitere Blüten.

Hinter allem thront die Ästhetik einer zivilen Katharsis, einer Loslösung und Überwindung von allerlei Ballast. Da kann jeder etwas mit anfangen. Und wenn jeder etwas damit anfangen kann, dann kann man es auch bei Youtube und via podcasts propagieren.

Ghost in the Shell, Rupert Sanders

Hier. OK, er hat sein Geld im ersten Anlauf nicht eingespielt. Aber wer ist wirklich überrascht? An der wie immer famosen Frau J. kann es nicht liegen – hier ist sie beeindruckend physisch, fast quadratisch, und die vergleichsweise ausdruckslose Mimik passt freilich in die Rolle. Auch der Vorwurf der Verweißlichung einer eigentlich asiatischen Heldin ist letztlich plausibel: das Chassis wird nicht vom Motor bestimmt. Jaja, die Ethikpolizei darf motzen, aber das Prinzip Kunstmensch setzt auf flottierende Körper (was freilich schon bei Metropolis nur in der Theorie funktionierte, wo es doch letztlich um den Schauwert einer Roboterfrau ging). Unangenehm fiel auf, dass der Endboss etwas kantig animiert wirkte, und dass das Farbenbild des letzten Gefechts ein wenig zu stark ins Graue tendierte.

 

Angenehme Erinnerungen an das Original werden stimuliert. Hoffentlich kann es nun von mehr Menschen gefunden werden. Man bemerkt wie old-school doch der Cyberpunk der alten Schule war – was ist eigentlich an seine Stelle getreten? Steampunk? War er doch nur ein modisches Motiv, das von der sogenannten realen Welt des ewigen digitalen Gebrabbels Ende der 90er dann doch verdrängt wurde? William Gibson schreibt keine SciFi mehr, die irgendwer als eskapistisch bezeichnen könnte. Shadowrun gibt es bei Steam. Aber Geister in ihren Gefässen wurden seit Poe rauf und runter erzählt, und der Schauwert von kugelsicherer Weiblichkeit bleibt spektakulär so lange es Hormone gibt.

Moonlight, Barry Jenkins

Hier. Die Erwachsenen und ihre Filme. Sagen wir es plump: das schwarze Brokeback Mountain. Noch plumper: Bildungsroman, knietief in der Ghettoromantik. Noch viel plumper: Prothesenmelodram. Aber man kann viel sagen und damit dieses Werk und seine grandiose Schönheit abtun und nichten. Man kann aber auch sagen: wie schön, dass die Oscars diesen Film gefunden haben, der wie selten zuvor mit sehr reduzierter Besetzung und äußerst filigran-schimmernden Bildern ein wirklich und wahrlich erhabenes Epos der Mannwerdung darstellt. Man muss schon in der Stimmung für ein weitestgehend humorfreies Erlebnis sein, damit Moonlight funktioniert, und es wäre gut wenn man sensibel bezüglich der Poetik des Titels ist. Im Mondlicht schimmert die schwarze Haut blau, im Mondlicht wird der Strand zu etwas besonderem weil das Rauschen den Horizont einnimmt.

Ehrlich gesagt wurde vermutet, dass der eine den anderen abknallt, am Ende. Ginge auch. Wäre stimmig. Wäre aber nicht das gleiche wie das Gesehene. Feines Ding, bitte mehr davon.