Das Ende von Eddy, Edouard Louis

Hier und hier. Didier Eribon als Referenz zuerst – macht Sinn. Derb und hart ist die Jugend in der heteronormativen und auch asozialen Provinz… Am Ende dann die Befreiung. Der Titel ist eine Provokation, denn eigentlich beginnt Eddy am Anfang. Das Ding fügt sich ein in die gefühlt unzähligen Befindlichkeitsliteraturen mit Authenzitätsautorität, aber es sticht doch hervor. Als Leser hat man das Gefühl das hier nur in eine Richtung erzählt wird, nämlich geradeaus. Auf das Ende und den Anfang zu. Keine Zeit wird verloren: es wird das gesagt, was eben war. Monsieur Louis bleibt der Literatur hoffentlich erhalten… irgendwie. Nehmt es hin. Macht was damit. Oder eben nicht.

Das kann vielleicht nur Frankreichs Literatur, dieses unverblümte Ausholen und Schwingen und Treffen.

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Crimson Peak, Guillermo del Toro

Hier. Ach, Guillermo. Was macht eigentlich Tim Burton derzeit? Welch gemeine Assoziation, aber vielleicht füllt del Toro die Lücke, die Burton in den 90ern schloss. Das saftig-schwülstig-düstere Schwelgen muss ja irgendwie bedient werden. Auch das Label „Absonderlichkeit“ muss auf dem Markt bedient werden.

Crimson Peak ist ein schöner Film mit feinen Kostümen und überraschenden Slasher-Fragmenten. Allein mit den Bildern hat man Freude – doch die Geschichte entbehrt doch einer gewissen Logik. Ja, sicher, es geht um Geister und dergleichen und die Geister sind auch alle wunderschön, aber man möchte als Zuschauer eben doch eine „glaubhafte Mechanik“ (?) erfahren, eine Erdung an (vielleicht fiktive) Gesetzmäßigkeiten.

Als der Konsument die Gelegenheit hatte, del Toros Werkschau im LACMA zu sehen, freute er sich und genoss es. Vielleicht ist dieser Filmemacher einer für das Sehen und gegen das Denken. Das würde ihn zu einem von den Guten machen.

Fear and Loathing in Las Vegas, Terry Gilliam

Hier. Der Klassiker, erneut konsumiert. Das komödiantische Talent der Darsteller ist unbestreitbar, wenn man denn Seltsamkeit komisch findet. Gilliam feilt und stützt den amerikanischen Mythos der Freiheit und bekräftigt, wie Thompson, das damals in den 60ern wohl etwas entstand das nicht so lange trug wie zunächst gedacht. Am Ende der Massenbewegung (und -befreiung?) kommt das Individuum und die lukrative Selbstdarstellung, die Thompson ja nunmal als (wenn auch „alternative“) celebrity betreibt. Jaja, das wird posthum von anderen betrieben. Hunter ist ’n dufter Kerl, bestimmt. Aber wir und Terry Gilliam kennen ihn nur, weil er sich selbst als Autorität etablieren konnte. Die Seltsamkeit wird arg benötigt, nicht von allen aber vielen.

Und nebenbei passt das Ding auch zu einer AmericanDream-vs-AmericanNightmare Diskussion in einem Englisch-LK in Braunschweig oder so.

Wonder Woman, Patty Jenkins

Hier. Es ist alles wahr.

Der Dialekt lässt denken: hat die Hauptdarstellerin vielleicht eine marktneutrale Sprache einfach nicht hingekriegt, so dass ihre Kolleginnen einfach auch so putzig sprechen mussten? Und wie wurde das in der deutschen Version geregelt? Und ist das vielleicht zu hämisch? Es ist nicht hämisch gedacht, denn dieser Film ist nicht die Rettung des Abendlandes, aber doch das rundeste und bekömmlichste Werk des DCU, das hoffentlich genug generiert um weitere Eskapaden der düsteren Herren zu ermöglichen. She believes in love. We believe in Wonder Woman.

Der Fremde, Albert Camus

Hier und hier und sowieso hier. Durch die verwahrloste Nutzviehwirtschaft, die sich Schule nennt, wurde bestimmt so manch einem dieser sogenannte Klassiker verlitten. Ein dünnes Buch, ein schlankes Romänchen, das ohne Explosionen, nur mit einer Handvoll Schüssen, auskommt. Und dann wird verhältnismässig viel gedacht und geredet. Und dann kann man Protagonisten und Erzähler und Autoren verwechseln und differenzieren und sich fein abarbeiten. Ja, wer ist denn nun der Fremde, na, na, wer ist es denn nun? Ei, fein, komm und schreib mir fünfhundert Worte dazu.

Man kann dem Fremden aber auch eine neue Chance geben, jetzt, wo man die Schule leidlich überlebt hat. Und man erkennt, dass die eigene Entfremdung (oh! ah!) von Sitte, Moral und organisierter Religion so neu nicht sein kann. Und man sieht dass die Grundelemente des Kriminalromans fein nützen könnten, um existenzialistische Sichtweisen zu kristallisieren. Außerdem kann das denkende, aber eben nicht fühlende Individuum zumindest ein wenig in seiner banalen Tragik begriffen werden.

Oder es geht um das Abknallen von Moslems. Vielleicht ist das der tragende Kern dieses sogenannten „Klassikers“, vielleicht sicherte dies ihm einen Platz im französischen und westlichen Kanon.

Minimalism: A Documentary About the Important Things, Matt D’Avella

Hier und hier und hier. Man sieht es und findet bekannte Ansichten über die sogenannte Konsumkultur – und wie erwartet wird die menschliche Spezies nicht verspottet. Eigentlich hätte man ja allen Grund dazu – man könnte auch sagen, dass das elende Pack der westlichen Zivilisationen an seinem Krempel ersticken soll. Gute Menschen sind aber hier am Werk, und ihre Absichten sind auch gut. Sie umarmen einander viel. Sie wollen die Welt besser machen – und geben alten „counterculture“-Dogmen neueren Schwung.

Sehr gut kam der Ruf nach mehr und vor allem grundsätzlicherem Materialismus an: die Dinge sollten stofflicher und tatsächlicher erfasst werden und ihr informatorischer, auratischer, und fast schon spiritueller Charakter als irritierendes Spektakel erkannt werden. Ein Blick nach Digitalien wurde auch gewagt: der Akt des Kaufens als erste Bürgerpflicht treibt bestimmt noch viele weitere Blüten.

Hinter allem thront die Ästhetik einer zivilen Katharsis, einer Loslösung und Überwindung von allerlei Ballast. Da kann jeder etwas mit anfangen. Und wenn jeder etwas damit anfangen kann, dann kann man es auch bei Youtube und via podcasts propagieren.