Arbeit und Struktur, Wolfgang Herrndorf

Hier. Er meint, „mit Prostatakrebs oder Schnupfen hätte ich den Blog nicht begonnen“ (444). Ja, das ist schon was, so ein Tumor hinter dem Gesicht. Letztlich ist das Buch eine diachrone Sammlung von kurzen Bemerkungen der letzten Tage, nach der einen Diagnose, ein gestaffeltes Verfall-Journal. So schwer, so gut.

Schief gehen kann sowas. Was soll man denn intime Sachen wie den eigenen Tod online begleiten und breittreten, also im vulgärsten aller Medien? Das geht gut, weil der Autor|Kranke so famos ist. Einst war WH nur der Tschick-Typ, der vorher in garstigen Plüschgewittern durch Berlin stolperte. Aber hier zeigt er sich als sehr gescheiter und vor allem sehr sympathischer Zivilist|Patient, der enorm genau über sich und seine Situation nachdenken kann und will.

Das Hirn wird nicht als Königin hingestellt sondern gründlich entzaubert, und zwar durch die Alltagswucht des stetigen Kalenders. WH geht nicht auf große Reise ins Erhabene und beschwört eben keinen heiligen kreativen (und ach-so-tiefen) Schädel.

Und das ganze bildungsbräsige Fühlpack, dass nach mehr Authenzität im modernen Leben keift und sich Burnouts anlacht und Kopfschmerzen hat und sich nach dem siebten PayTV-Abo die Schläfen massiert kann sich diesem Buch stellen und vielleicht etwas Unaufgeregtheit für sich entdecken.

Autor: festerben

Hier geht's um schnelle Verdauungshilfe, keine ausufernden (oder gerechten) Rezensionen. Angstgegner ist die Orthographie.

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