Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin, Kathrin Passig & Sascha Lobo

Hier. Und hier. Die Selbsthilfeliteratur ist eine besondere Literatur, denn man könnte ja sagen, dass jedes geschriebene und zu lesende Wort schon helfen oder zumindest nützlich sein soll. Und wenn nicht für einen selbst, für wen liest man denn dann überhaupt als einigermaßen mündiger Mensch? Und Philosophie ist eigentlich (sowohl als Tätigkeit als auch als akademisches Fach (was nicht das Gleiche ist)) Selbsthilfeliteratur im eigentlichen Sinne (wobei so manche Werke erstmal die bestehende Perspektive erschüttern und verschieben und sich aus der desolaten Lage erst ein neues Provisorium erheben kann). Philosophie hat aber, dem mehrheitlichen Menschenpack und mutlosen Verlegern geschuldet, ein miserables Marketing. Geschichten gehen besser: Romane sollen helfen, der drögen Gegenwart zu entkommen und sie dann vielleicht besser ertragen zu können. Perspektiven entstehen, und man muss dazu nur Sakkade (Pupillenbewegung) betreiben, aber der Schädel hat gefälligst die Sehorgane nach vorn ausgerichtet zu halten. Links, rechts, links, zwo, drei, vier, neue Zeile, Absatz, blättern.

Und dieses Werk ist nun einzusortieren in diesem kniffligen Genre „Selbsthilfe“. Um’s Zeitmanagement geht es, um die Effizienz, um den Raubbau an der Aufmerksamkeit, den die Gegenwart und ihr Gewimmel betreiben. Die Autoren beeindrucken vor allem durch ihre Haltung, ihren Einspruch, fast schon ihre Sturheit: sie sagen eben nicht, wie’s besser klappt mit der Aufgabenbewältigung sondern beleuchten die Arbeit hinter der Arbeit an sich – das ist angenehm un-technokratisch und stellt sich dem neoliberalen groben Unfug der Selbstoptimierung keck entgegen. Haushaltshilfen und Steuerberater erfahren rechtmäßig Lob und Anerkennung. Sehr süffig (weil sehr schnell) geschrieben, hält dieser Text einige feine Anekdoten und wohldimensionierte Kapitel bereit.

Letztlich ist dieses Produkt hilfreich, denn es schafft eine gewisse Nähe. Diese könnte menschlich sein. Es sei Fitzgerald hurtig zitiert: „That is part of the beauty of all literature. You discover that your longings are universal longings, that you’re not lonely and isolated from anyone. You belong.“ Nur wenig sogenannte Selbsthilfeliteratur schafft das, ohne in betuliches Gesabbel abzudriften. Dankesehr.

Autor: festerben

Hier geht's um schnelle Verdauungshilfe, keine ausufernden (oder gerechten) Rezensionen. Angstgegner ist die Orthographie.

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