Die Wohlgesinnten, Jonathan Littell

Hier. Nur ein Geschichte. Das Vehikel wurde nun zum zweiten Mal durchgekaut, und man frug sich schon während des Lesens warum. Beginnen wir beim Ende: unbefriedigend, sang- und klanglos endet es in Ruinen. Nur durch den zähen Vorlauf, etwa zwölfhundert Seiten früher, wissen wir dass hier eine Reinkarnation stattfindet: der willige Helfer und Vollstrecker Dr. Aue wird zum braven westeuropäischen Steuerzahler.

In der Mitte gibt es einen Kopfschuss: da trennen sich die Hemisphären und Aue zerrt den Leser durch einen grenzdebilen Fiebertraum. Das passiert in Stalingrad – die Wehrmacht und der Autorenkörper beginnen zu zerbrechen und finden letztlich nicht mehr aneinander.

Der moralische Mensch griff damals und greift heute in seiner Dekadenz oft zu „World War, Part Two – The Sequel You Deserve“© und führt jenes globalisierte Geschehen als Generalkontrast zu seinen mutmaßlich fortschrittlichen Sitten und Meinungen an. Wie trefflich man sich doch über die Barbarei dort echauffieren kann, ohne das Adjektiv „gottlos“ zu verwenden. Wie gut dass es „Hitler“ gab – endlich kann das Ultimative Böse(©!) mit nur zwei Silben säkular benannt werden, wie damals „Satan“. Deswegen ist die literarische Schlamperei, die bei den Wohlgesinnten gefeiert und gefüttert wird, und der pseudo-bedrohliche Wahnsinn des unglaubwürdigen Protagonisten so wertvoll wie ein kleines Steak. Der Roman könnte als muskulös geballter Mittelfinger verstanden werden, der auf Brechreiz setzt und quer im Magen liegt.

Bleiben wir beim Ende: er beißt ihm in die Nase. Ja, ihm. Und davor trickst er eine dezivilisierte (re-arisierte?) Rotte von Mörderkindern mit einem fiktiven Funkspruch des später zu Beißenden aus. Was für ein Firlefanz! Aber irgendwie verdienen das die treudoofen Leser und Konsumenten, die bis zum Ende durchhalten: endlich kann man die moralistischen Floskeln, die vielen schlechten Nazi-Imitationen und die wahrlich epische Dummheit des Klatschviehs noch mehr verachten. Will man das? Irgendetwas Positives findet man hier jedenfalls vergebens, so wohlgesonnen alle sein sollen. Nichts wird beschwichtigt. Es ist alles viel furchtbarer als vermutet.

Muss dieses Pfund Schund ein drittes Mal gelesen werden?

[Bild: DCs Overman, auch bekannt als „Nazi-Superman“ (mehr hier)]

Autor: festerben

Hier geht's um schnelle Verdauungshilfe, keine ausufernden (oder gerechten) Rezensionen. Angstgegner ist die Orthographie.

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